Aufruf: Gegen den Burschentag in Eisenach, gegen alle Männerbünde!

Die Deutsche Burschenschaft zerlegt sich selbst. Auch nach dem vergangenen Burschentag in Eisenach ebbt die Austrittswelle nicht ab: Fast die Hälfte aller Bünde hat den Verband in den letzten drei Jahren seit dem Skandal um den sogenannten „Arierparagraphen“ und der damit einhergehenden Eskalation der Flügelkämpfe verlassen. Die verbliebenen Verbindungen sind die offen völkischen und faschistischen, ausgetreten sind die nationalkonservativen und die, denen ihr Image dann doch wichtiger war als die Tradition. Kurz: Der einst bedeutendste studentische Korporationsverband ist nicht mehr das, was er einmal war.

Eines jedoch ist geblieben: Die Mitgliedsbünde der Deutsche Burschenschaft sind Männerbünde – und mit ihnen auch die angeblich „liberalen“ Bünde, die die DB in den letzten Monaten und Jahren verlassen haben, und überhaupt nahezu alle deutschen und österreichischen Studentenverbindungen.

Die Idealisierung martialischer Männlichkeit, Homophobie, völkischer Nationalismus, Sexismus und antifeministische Agitation sind noch immer Gang und Gäbe in sämtlichen Burschenschaften…(mehr)

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Redebeitrag: “Etwas besser ist nicht gut genug!”

Gehalten auf der Demonstration “Etwas besser ist nicht gut genug!” am 30.04.2014.

Aktuell laufen in Europa und darüber hinaus homophobe und antifeministische Initiativen zum Schutz ihrer so heiß geliebten Kleinfamilie Sturm. In Serbien hat es ein Bündnis aus Faschisten und religiösen Spinnern geschafft, mittels gewalttätiger Aktionen, die Belgrade Pride Parade durch die Regierung verbieten zu lassen – nicht dass diese Regierung, die vor nationalen Gefühlen kaum an sich halten kann, einen wirklichen Anlass gebraucht hätte um ihren Schwulen- und Lesbenhass zur Schau zu stellen. Aktivist_innen der LGBT-Community werden heute noch auf sogenannten schwarzen Listen geführt und müssen fürchten, von Faschisten überfallen zu werden. In Frankreich sind im vergangenen Jahr hunderttausende auf die Straße gegangen um zu verhindern, dass Schwule und Lesben heiraten dürfen und in Spanien hat die konservative Regierung eines der liberalsten Abtreibungsgesetze in eines der restriktivsten umgewandelt. In Baden-Württemberg versuchen es die deutschen Konservativen ihren französischen Gleichgesinnten nach zu machen und gehen gegen die „sexuelle Vielfalt“ und die „Ideologie des Regenbogens“ im Lehrplan auf die Barrikaden.

Wir stellen hier eine Gleichzeitigkeit fest, gewissermaßen ein Auseinanderfallen von liberalisierter Öffentlichkeit und ideologischer Verrohung. Feministische und queere Forderungen finden mittlerweile in Westeuropa in den öffentlichen Institutionen ihren Ausdruck: Es gibt Frauenbeauftragte und Gender-Mainstreaming wurde auf Europa-Ebene eingeführt. Und obwohl die homophoben und antifeministischen Bewegungen dementsprechend einen bloßen Abwehrkampf führen, können letztere dennoch an breite Teile der Gesellschaft anknüpfen… (mehr)

Paper: Der Männerbund.

Überlegungen zur Bedeutung der Kritik an Studentenverbindungen und Burschenschaften für eine feministische Gesellschaftskritik.

Es ist nicht leicht zu sagen, was Studentenverbindungen und Burschenschaften mit dem Rest der Gesellschaft zu tun haben. So archaisch wirken sie, aus der Zeit gefallen, und alle, die den Spiegel lesen, wissen: Burschen sind mindestens seltsam, nationalistisch und frauenfeindlich. Dieses Urteil greift jedoch zu kurz und das nicht zufällig. Denn wer sich wirklich auf die Suche begäbe, müsste doch zugestehen, dass Studentenverbindungen und Burschenschaften mehr mit der „bürgerlichen Mitte“ zu tun haben, als einer_m lieb ist.

Zunächst einmal sind Studentenverbindungen so alt wie die bürgerliche Gesellschaft selbst. Burschenschaften haben seitdem den Nationalismus durch ihren Einfluss in elitären Positionen geprägt: 1815 gegründet in der nationalistischen Euphorie der antinapoleonischen Kriege, einflussreich bei der Konturierung des deutschen Nationalstaats nach der Reichsgründung 1871 (Stichwort: nation-building – im Kaiserreich waren mindestens 60% der Studenten Verbinder) und antirepublikanisch durch ihre Verwobenheit

mit dem reaktionären Treiben gegen die Weimarer Republik. Sie formierten sich neu zum Wiederaufbau der Nation in den 50er Jahren. Das Ganze hat insofern etwas mit einer spezifisch deutschen Entwicklung zu tun, als dass sich hier Burschenschaften erst herausbilden konnten – in den USA, den Niederlanden oder Großbritannien gibt es zwar Studentenverbindungen, aber ohne den nationalen Auftrag. Dort geht es „nur“ um Elite-Erziehung. Burschenschaftliche Männerbünde haben die Entwicklung des deutschen Nationalstaates seit ihrer Gründung beeinflussen wollen, hatten einen Effekt auf den deutschen Nationalismus und deutsche Geschlechterkonzeptionen… (mehr)

Aufruf: Etwas besser ist nicht gut genug

Global ist zu beobachten: Frauen werden zunehmend in den (Welt-)Markt integriert, ernähren alleine ihre Familien, ohne jedoch eine Chance zur eigenen Existenzsicherung zu bekommen. Gleichzeitig bleiben Frauen maßgeblich für’s Abwaschen, Kinder aufziehen, Putzen und Wäschewaschen verantwortlich – übrigens oft noch mit dem Verweis auf eine vermeintlich „natürliche Fähigkeit“ dazu. Viele Frauen können diese Doppelbelastung von Lohn- und Reproduktionsarbeit nicht bewältigen: Die Verwilderung des Patriarchats treibt ihre Blüten.
Darüber hinaus sind es zumeist Frauen, die schlechtbezahlt in der Pflege, in der Kita und in der Reinigung arbeiten und dort unter prekarisierten Arbeitsverhältnissen leiden. Nicht selten führen diese Verhältnisse zu Burnouts.
Vor diesem Hintergrund sind Forderungen nach mehr Sozialstaat oftmals nachvollziehbar. Doch selbst wenn der wollte, er kann nix machen. Warum das so ist, kann nur der Blick auf ein größeres Zeitfenster zeigen, als eines von 2007 (dem Ausbruch der sogenannten Finanzkrise) bis heute. Der Kapitalismus befindet sich seit den 1970er Jahren in einem strukturellen Krisenprozess. Bedingt durch die „mikroelektronische Revolution“ wird die Quelle des Mehrwerts, die Arbeitskraft, immer überflüssiger. Staatliche Intervention in Form aufschiebender Maßnahmen sollte in den 80er und 90er Jahren die Krise abmildern, so die aufkommende Massenarbeitslosigkeit abfedern und die marode Wirtschaft am Laufen halten. Die sogenannten „personenbezogenen Dienstleistungen“ wurden ausgeweitet und Menschen in Produktionsbereichen in Beschäftigung gebracht, in denen Arbeitskraft nicht so leicht zu ersetzen ist – der Pflege, der Erziehung, also allem, was mit Menschen zu tun hat. Heute ist es, seit dem Ausbruch der sogenannten Finanzkrise, sichtbarer denn je, dass eine weitere Verschuldung verheerende Folgen haben könnte, wie die Haushaltskrise in den USA mit ihrem „Shutdown“ zeigte. (mehr)

Paper: Von Antifeminismus, Homophobie und nationaler Bevölkerungspolitik

Im Frühjahr 2013 startete Angela Merkel eine überraschende Initiative: Die rechtliche Gleichstellung der Homo- und der Heteroehe. Dieser Vorstoß kam zu einem Zeitpunkt, wo die Umfragewerte für die CDU/CSU und vor allem die der FDP gesunken, die Grünen im Aufwind begriffen waren und auch die SPD sich zu fangen schien. Die „Eiserne Merkel“ begann Brücken zum konservativen Flügel bei den Grünen zu bauen um eine schwarz-grüne-Koalition bei der nächsten Bundestagswahl in Aussicht zu stellen. Doch der Berliner Kreis – ein informelles Netzwerk national-konservativer PolitikerInnen – verkündete sofort lautstarken Protest. Christian Wagner, CDU-Fraktionschef in Hessen und Mitglied im Berliner Kreis, sagte der FAZ, er würde den „radikalen Schwenk“ Merkels nicht mittragen. Denn Ehe und Familie stünden unter besonderem Schutz des Grundgesetzes. Mit diesem Anliegen steht Wagner nicht alleine da. Er kann auf Verbündete bis weit in die CDU zählen und auf ein ideologische Fundament bauen, das so altbacken daherkommt, wie die Chargiertenuniformen von Corps, Landsmannschaften und Burschenschaften. Auch letzteren ist die Familie und die Ehe ein wichtiges Anliegen, weshalb sie der Frage nach der Bedrohung dieser so wichtigen Instanzen eine ganze Ausgabe der Burschenschaftlichen Blätter widmeten. Als AutorInnen traten darin die FPÖ-Politikerin und neunfache Mutter Barbara Rosenkranz und der damalige Sprecher der Burschenschaftlichen Gemeinschaft und Rechtsanwalt Gerhard Schlüsselberger auf. Ihre Artikel sind getrieben von der Sorge um die nationale Sache. Ein wesentliches Motiv ist darin der Wunsch nach eindeutiger Sexualität und einfachen Geschlechterbildern. Bei den Themen Familie, Ehe und Sexualität lässt sich also ein weites politisches Kontinuum von neonazistischer Ideologie bis zur konservativen „Mitte“ feststellen. (mehr)