Aufruf: Gegen den Burschentag in Eisenach, gegen alle Männerbünde!

Die Deutsche Burschenschaft zerlegt sich selbst. Auch nach dem vergangenen Burschentag in Eisenach ebbt die Austrittswelle nicht ab: Fast die Hälfte aller Bünde hat den Verband in den letzten drei Jahren seit dem Skandal um den sogenannten „Arierparagraphen“ und der damit einhergehenden Eskalation der Flügelkämpfe verlassen. Die verbliebenen Verbindungen sind die offen völkischen und faschistischen, ausgetreten sind die nationalkonservativen und die, denen ihr Image dann doch wichtiger war als die Tradition. Kurz: Der einst bedeutendste studentische Korporationsverband ist nicht mehr das, was er einmal war.

Eines jedoch ist geblieben: Die Mitgliedsbünde der Deutsche Burschenschaft sind Männerbünde – und mit ihnen auch die angeblich „liberalen“ Bünde, die die DB in den letzten Monaten und Jahren verlassen haben, und überhaupt nahezu alle deutschen und österreichischen Studentenverbindungen.

Die Idealisierung martialischer Männlichkeit, Homophobie, völkischer Nationalismus, Sexismus und antifeministische Agitation sind noch immer Gang und Gäbe in sämtlichen Burschenschaften…(mehr)

Paper: Der Männerbund.

Überlegungen zur Bedeutung der Kritik an Studentenverbindungen und Burschenschaften für eine feministische Gesellschaftskritik.

Es ist nicht leicht zu sagen, was Studentenverbindungen und Burschenschaften mit dem Rest der Gesellschaft zu tun haben. So archaisch wirken sie, aus der Zeit gefallen, und alle, die den Spiegel lesen, wissen: Burschen sind mindestens seltsam, nationalistisch und frauenfeindlich. Dieses Urteil greift jedoch zu kurz und das nicht zufällig. Denn wer sich wirklich auf die Suche begäbe, müsste doch zugestehen, dass Studentenverbindungen und Burschenschaften mehr mit der „bürgerlichen Mitte“ zu tun haben, als einer_m lieb ist.

Zunächst einmal sind Studentenverbindungen so alt wie die bürgerliche Gesellschaft selbst. Burschenschaften haben seitdem den Nationalismus durch ihren Einfluss in elitären Positionen geprägt: 1815 gegründet in der nationalistischen Euphorie der antinapoleonischen Kriege, einflussreich bei der Konturierung des deutschen Nationalstaats nach der Reichsgründung 1871 (Stichwort: nation-building – im Kaiserreich waren mindestens 60% der Studenten Verbinder) und antirepublikanisch durch ihre Verwobenheit

mit dem reaktionären Treiben gegen die Weimarer Republik. Sie formierten sich neu zum Wiederaufbau der Nation in den 50er Jahren. Das Ganze hat insofern etwas mit einer spezifisch deutschen Entwicklung zu tun, als dass sich hier Burschenschaften erst herausbilden konnten – in den USA, den Niederlanden oder Großbritannien gibt es zwar Studentenverbindungen, aber ohne den nationalen Auftrag. Dort geht es „nur“ um Elite-Erziehung. Burschenschaftliche Männerbünde haben die Entwicklung des deutschen Nationalstaates seit ihrer Gründung beeinflussen wollen, hatten einen Effekt auf den deutschen Nationalismus und deutsche Geschlechterkonzeptionen… (mehr)

Paper: Von Antifeminismus, Homophobie und nationaler Bevölkerungspolitik

Im Frühjahr 2013 startete Angela Merkel eine überraschende Initiative: Die rechtliche Gleichstellung der Homo- und der Heteroehe. Dieser Vorstoß kam zu einem Zeitpunkt, wo die Umfragewerte für die CDU/CSU und vor allem die der FDP gesunken, die Grünen im Aufwind begriffen waren und auch die SPD sich zu fangen schien. Die „Eiserne Merkel“ begann Brücken zum konservativen Flügel bei den Grünen zu bauen um eine schwarz-grüne-Koalition bei der nächsten Bundestagswahl in Aussicht zu stellen. Doch der Berliner Kreis – ein informelles Netzwerk national-konservativer PolitikerInnen – verkündete sofort lautstarken Protest. Christian Wagner, CDU-Fraktionschef in Hessen und Mitglied im Berliner Kreis, sagte der FAZ, er würde den „radikalen Schwenk“ Merkels nicht mittragen. Denn Ehe und Familie stünden unter besonderem Schutz des Grundgesetzes. Mit diesem Anliegen steht Wagner nicht alleine da. Er kann auf Verbündete bis weit in die CDU zählen und auf ein ideologische Fundament bauen, das so altbacken daherkommt, wie die Chargiertenuniformen von Corps, Landsmannschaften und Burschenschaften. Auch letzteren ist die Familie und die Ehe ein wichtiges Anliegen, weshalb sie der Frage nach der Bedrohung dieser so wichtigen Instanzen eine ganze Ausgabe der Burschenschaftlichen Blätter widmeten. Als AutorInnen traten darin die FPÖ-Politikerin und neunfache Mutter Barbara Rosenkranz und der damalige Sprecher der Burschenschaftlichen Gemeinschaft und Rechtsanwalt Gerhard Schlüsselberger auf. Ihre Artikel sind getrieben von der Sorge um die nationale Sache. Ein wesentliches Motiv ist darin der Wunsch nach eindeutiger Sexualität und einfachen Geschlechterbildern. Bei den Themen Familie, Ehe und Sexualität lässt sich also ein weites politisches Kontinuum von neonazistischer Ideologie bis zur konservativen „Mitte“ feststellen. (mehr)

Redebeitrag: Deutschland, seine Mythen und die Deutsche Burschenschaft

Bekanntlich ist völkischer Nationalismus seit der Gründung der sogenannten „Urburschenschaft“ im Jahr 1815 Bestandteil burschenschaftlicher Politik. Deutlichster Ausdruck dieser Politik ist bis heute der „volkstumsbezogene Vaterlandsbegriff“. Das unsägliche Wort „Volkstum“ ist eine Wortneuschöpfung des Vorreiters der burschenschaftlichen Bewegung, Turnvater Jahn. Jahn prägte den Begriff des Volkstums und mit ihm die Idee eines urwüchsigen, organischen und ewigen „Volkscharakters“ als Grundlage der angestrebten deutschen Nation. Noch heute ermöglicht das Konzept des Vokstums der Deutschen Burschenschaft, nicht nur Österreich zu einer „deutschen Kulturnation“ mit hinzu zu zählen – aus diesem Grund sind ja auch österreichische Bünde in der DB – sondern auch auf der Zugehörigkeit von etwa Schlesien, Elsass-Lothringen und dem sogenannten Sudetenlandzu beharren. Den Südtirol-Terrorismus der 50er und 60er Jahre, an dem auch zahlreiche Burschenschafter beteiligt waren, sieht die DB als Vorbild für eine „Politik“ zugunsten der Einverleibung der sogenannten Ostgebiete. Diese würden, so die DB in ihrem „Handbuch“ aus dem Jahr 2005, von Polen lediglich „verwaltet“, die „territoriale Souveränität über die Ostgebiete“ verbleibe „weiterhin bei Deutschland“. Alle Mitglieder der DB – auch die vermeintlich „liberalen“ – lehnen eine Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze ab. Noch bis 1990 waren sie damit aber bei Weitem nicht allein: Die Bundesrepublik Deutschland erkannte die 1970 im Warschauer Vertrag festgelegten Ostgrenzen Deutschlands erst 1990 offiziell an. (mehr)