Redebeitrag: Kapitalismus, Krise und Geschlecht

Guten Tag, wir machen mal einen Redebeitrag zu Kapitalismus, Krise und Geschlecht. Wir wissen, dass das Geschlechterthema noch immer ein Sonderthema und Geschlechterverhältnisse nicht konstitutiver Bestandteil politischer Analysen sind. Aber das nur am Rande. Weil eine Perspektive, die das Geschlechterverhältnis in den Blick nimmt, in der radikalen Linken marginal ist, soll ein Beitrag alles leisten müssen. Das verlangt schon der eigene feministische Anspruch. Wir wagen uns also an eine Annäherung. Es hätten auch gut und gerne drei Redebeiträge werden können.

Zunächst gehen wir davon aus, dass Leute im Kapitalismus ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Dies passiert auf dem Arbeitsmarkt, der von einem Staat reguliert wird, der im Sinne der nationalen Standortkonkurrenz handeln muss. Das heißt, dass der Staat den Arbeitsmarkt am Laufen halten muss und immer so gestaltet, wie es die Situation gerade erfordert. Schalthebel für diese Regulierung sind zum Beispiel Migrationspolitik, das heißt Migrant_innen werden angeworben oder abgeschoben. Oder auch Bevölkerungspolitik, das heißt Familien-, Gesundheits- oder Bildungspolitik.

Für die folgende feministische Analyse ist dies der Dreh- und Angelpunkt: die Beschaffenheit und Regulierung der Kleinfamilie. Warum die interessant sein soll? (mehr)

Redebeitrag: Deutschland, seine Mythen und die Deutsche Burschenschaft

Bekanntlich ist völkischer Nationalismus seit der Gründung der sogenannten „Urburschenschaft“ im Jahr 1815 Bestandteil burschenschaftlicher Politik. Deutlichster Ausdruck dieser Politik ist bis heute der „volkstumsbezogene Vaterlandsbegriff“. Das unsägliche Wort „Volkstum“ ist eine Wortneuschöpfung des Vorreiters der burschenschaftlichen Bewegung, Turnvater Jahn. Jahn prägte den Begriff des Volkstums und mit ihm die Idee eines urwüchsigen, organischen und ewigen „Volkscharakters“ als Grundlage der angestrebten deutschen Nation. Noch heute ermöglicht das Konzept des Vokstums der Deutschen Burschenschaft, nicht nur Österreich zu einer „deutschen Kulturnation“ mit hinzu zu zählen – aus diesem Grund sind ja auch österreichische Bünde in der DB – sondern auch auf der Zugehörigkeit von etwa Schlesien, Elsass-Lothringen und dem sogenannten Sudetenlandzu beharren. Den Südtirol-Terrorismus der 50er und 60er Jahre, an dem auch zahlreiche Burschenschafter beteiligt waren, sieht die DB als Vorbild für eine „Politik“ zugunsten der Einverleibung der sogenannten Ostgebiete. Diese würden, so die DB in ihrem „Handbuch“ aus dem Jahr 2005, von Polen lediglich „verwaltet“, die „territoriale Souveränität über die Ostgebiete“ verbleibe „weiterhin bei Deutschland“. Alle Mitglieder der DB – auch die vermeintlich „liberalen“ – lehnen eine Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze ab. Noch bis 1990 waren sie damit aber bei Weitem nicht allein: Die Bundesrepublik Deutschland erkannte die 1970 im Warschauer Vertrag festgelegten Ostgrenzen Deutschlands erst 1990 offiziell an. (mehr)

Redebeitrag: Wir dürfen es uns nicht zu einfach machen!

Am Samstag, den 13.4. sind in München mehrere tausend Menschen gegen die Verstrickungen von Verfassungsschutz und NSU, gegen alltäglichen und institutionellen Rassismus und gegen die Verkehrung von Opfern und TäterInnen der NSU-Morde auf die Straße gegangen.

Als Teil des Bündnisses “Extrem Daneben” haben wir uns an der Mobilisierung nach München beteiligt und halten es für wichtig, dass wir einen selbstkritischen Umgang mit unserer Politik finden. Daher möchten wir in unserem Redebeitrag unsere Eindrücke und die sich daran anschließenden unfertigen Gedanken und Fragen mit euch teilen, um eine Debatte anzuregen, die versucht aus Fehlern, Missständen und Problemen zu lernen und in der Lage ist, die Lücken bisheriger Erklärungsversuche zu füllen.

Wir versuchen im Rahmen des Bündnisses seit mehr als einem Jahr zu verstehen, was es bedeutet, dass Neonazis jahrelang ungehindert morden konnten und nur durch Zufall an weiteren Morden gehindert wurden. Wir haben nach München mobilisiert mit dem Bewusstsein, dass es ungeheuer wichtig ist, als Linke an dem Tag auf die Straße zu gehen – insofern sind wir eigentlich von einer der größten Demonstrationen in der Bundesrepublik seit der Agenda 2010 ausgegangen.

Doch sowohl die Unterstützer_innenliste als auch die Demo selbst haben bei uns Skepsis ausgelöst. Im Folgenden wollen wir vier Punkte aufgreifen, die uns insbesondere im Gedächtnis geblieben sind. (mehr)

Paper: It hits you like a boomerang

Jedes Jahr gibt es in Göttingen und anderen Städten zum Frauenkampftag Demonstrationen und Veranstaltungen, die Sexismus anprangern und den Feminismus feiern. Wir sind unzufrieden damit, weil uns daran etwas fehlt. Wir bemühen uns deshalb um eine solidarisch-kritische Weiterentwicklung der Debatte und eine feministische Gesellschaftskritik. Wir gehen davon aus, dass der Kern des Problems darin besteht, dass eine bestimmte Lesart des Poststrukturalismus die Kapitalanalyse in weiten Teilen unterlässt und deshalb keine Kapitalismuskritik formulieren kann. Denn eine Kritik des Patriarchats funktioniert genauso wenig ohne eine des Kapitalismus wie umgekehrt.

Verkürzten Aufrufen folgt ritualisiert dann immerzu um den 8. März herum eine ebenso verkürzte Haupt-Nebenwiderspruchsrhetorik – like a boomerang. Von solch langweiligem Klassenreduktionismus marxistisch-leninistischer Theoriebildung wollen wir uns genau so abgrenzen wie von der bereits erwähnten Lesart des Poststrukturalismus. (mehr)

Aufruf: Extrem Daneben

Intro

Als der deutschen Öffentlichkeit bewusst wurde, dass die Morde des NSU nicht, wie die weiteren 160 rassistischen Morde der letzten 20 Jahre, als „Einzeltaten“ von „Verwirrten“ abgetan werden konnten, erfolgte ein medialer Aufschrei par excellence: „Wie, es gibt richtige Nazis in Deutschland?!“ Was dann folgte, war für das Land der Ahnungslosen noch weit schlimmer: Der Verfassungsschutz (VS), jenes Organ, das die Deutschen nach ’45 vor dem Kommunismus beschützen sollte, steckte nach dem Skandal um das NPD-Verbotsverfahren schon wieder knietief im braunen Sumpf. Nicht nur nachlässige Ermittlungen und verpasste Festnahmen kamen da zutage. Auch der durch V-Leute finanzierte Aufbau des Thüringer Heimatschutzes in den 90er Jahren, ein VS-Mann namens „Kleiner Adolf“ an einem der Tatorte und staatliche Verstrickungen in die Strukturen der Rechtsterroristen wurden offenbar. Wir wundern uns nicht – seit seiner Gründung ist der Verfassungsschutz durch und durch von der Kontinuität des Nationalsozialismus und des Antikommunismus geprägt. (mehr)

Redebeitrag: DB als Scharnier zwischen Konservatismus und Neonazismus

Gehalten am 2. Juni 2012 auf der Demonstration gegen den Burschentag der Deutschen Burschenschaft in Eisenach

In ihren Chargierten-Uniformen, mit ihren Mützen und Bändern, mit Waffen und Wichs, mit Degen oder mit Bierzipfel sehen diese Burschenschafter immer irgendwie seltsam aus. Sie verhalten sich merkwürdig, wenn sie fechten, Unmengen Bier saufen und geschwollen daherreden. Aber Burschenschafter sind mehr als eine folkloristische Rarität, die irgendwie zum Ambiente der deutschtümelnden Burg da oben passt. Sie sind ein gefährlicher Klüngel aus Neonazis und Konservativen – dass sie gemeinsam alle drei Strophen des Deutschlandliedes singen, ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Denn in der Deutschen Burschenschaft haben sie alle ihren Platz und ihre Rolle: Die einen um als „konservative Demokraten“ nach außen in Erscheinung zu treten, die anderen um offensichtlich die Kontakte mit NPD, Republikanern, FPÖ, Jungen Nationaldemokraten und anderen neonazistischen Organisationen zu pflegen. Aus diesem Grund müssen die Burschenschafter der DB immer als Neonazis und Konservative kritisiert werden – eine Kritik, die sie einfach in die „rechtsextreme Ecke“ stellt, macht es sich’s zu leicht. (mehr)

Redebeitrag: Antifeminismus und Homophobie

Gehalten am 18. Juni 2011 und am 2. Juni 2012 in Eisenach bei den Protesten gegen den Burschentag der Deutschen Burschenschaft

Seit fast 200 Jahren feiern Burschenschafter in Eisenach ihre männliche Gemeinschaft. Was als nationalistisch-männliches Projekt im Zuge der antinapoleonischen Stimmung begann, ist heute – im Jahre 2011… noch immer ein nationalistisch-männliches Projekt.

Und das bedeutet: Ehre, Treue, Leistung, Disziplin, Härte und Kameradschaft, sowie einige Hundert Liter Bier, die für viel mehr da sind, als nur den Durst zu stillen. Die Idylle der männlichen Gemeinschaft kann – Bier sei dank – ganz emotional sein: nur im sicheren Kreis der Kameraden, der auf jeden Fall heterosexuellen Männer, kann beim Singen der ersten Strophe des Deutschlandliedes ein Tränchen verdrückt werden, ohne dass jemand auf die Idee kommt, dieses Weinen hätte was mit Schwäche oder Weiblichkeit zu tun. Da wird sich in den Arm genommen und gedrückt, aber natürlich ist das eine kameradschaftliche Geste unter Männern, also etwas ganz anderes als weibliche Emotionalität oder homoerotische Zärtlichkeit. (mehr)

Paper: Sprachlosigkeit über die entfesselte Gewalt

Wir sind betroffen und wütend. Wir sind fassungslos und ohne Worte. Wir sind sprachlos, doch empfinden wir das größte Bedürfnis über den Akt entfesselter Gewalt in Norwegen zu reden. Dieses Bedürfnis empfinden wir, weil im Moment so viel geschrieben wird, das wir nicht verstehen und weil – bis jetzt – so wenig darüber geschrieben wird, in welchem politischen und ökonomischen Klima der Anschlag auf das Regierungsviertel und die Ermordung so vieler sozialistischer bzw. sozialdemokratischer Jugendlicher stattgefunden haben und überhaupt stattfinden konnten. Das öffentliche Schweigen kommt einem Verdrängen gleich. Deswegen fordern wir das Sprechen ein. Wir fordern ein, dass verarbeitet wird, was uns so fassungslos macht, dass darüber reflektiert wird, wo es herkommt, und das kritisiert wird, was es hervorgebracht hat. Die SPD hat mit ihrer Schweigeminute schon viel dazu beigetragen eine Form der Betroffenheit zum Ausdruck zu bringen, die ohne zu instrumentalisieren der Opfer gedacht hat. Vielleicht hat sie es, weil es zu früh war, nicht vermocht die politischen Kontexte ausreichend zu benennen. Aber jetzt  müssen wir als Linke gemeinsam darüber reden, wie wir die Tat einordnen und was gerade das Gefährliche am politischen Klima in Europa ist. (mehr)

Interview: “Burschenschafter sind eine Speerspitze des Antifeminismus”

Ihr setzt euch ja jetzt gerade sehr stark mit dem männerbündischen Charakter von Burschenschaften auseinander. Warum vordergründig? Was soll denn das Besondere an diesen burschenschaftlichen Männerbünden sein?

Es wurde vielfach auf den nationalistischen, geschichtsrevisionistischen und meistens auch frauenfeindlichen Gehalt von Burschenschaften hingewiesen, aber selten das Männerbundprinzip als Grundlage kritisiert. Wir denken aber, dass sich ohne diese Auseinandersetzung der Kern von Burschenschaften gar nicht erklären lässt. Deshalb konzentrieren wir uns erstmal dadrauf – wobei die anderen Ideologien damit ja auch eng zusammen hängen.

Naja und zur Besonderheit: erst einmal ist ihre Organisationsform wesentlich expliziter und stabiler im Gegensatz zu anderen männlichen Netzwerken, z.B. Unternehmensvorständen oder sonstigen Seilschaften. Denn die Burschen verstehen sich als Lebensbund und schaffen sich so eine umfassende Ordnung, die bewusst nur auf das Männliche ausgerichtet ist. Der rituelle Charakter, also die Kneipe, die Mensur, die Kleidung usw., ist vielleicht darüber hinaus noch etwas, das ins Auge springt und erstmal einen Unterschied zu anderen Männerklüngeln darstellt. (mehr)

Paper: Homophobie und Männerbünde

Immer zu Semesterbeginn kann man sich über seltsame Anzeigen wundern: da werden für billige Zimmer mit Billardtisch und eigener Hauskneipe explizit männliche Studenten gesucht. Klar, da handelt es sich um Studentenverbindungen. Nur ein Bruchteil der Verbindungen ist gemischt und es gibt nur eine sehr kleine Zahl von Frauenverbindungen. Sämtliche in der DB organisierten Burschenschaften jedoch sind reine Männerbünde. „Ganz einfach, es gibt ja auch keine gemischten Fußballmannschaften. Das soll nichts Ausgrenzendes sein, sondern etwas Integrierendes für jene, die dabei sind. Wir sagen ja nicht: Frauen dürfen hier nicht herkommen. Sie dürfen nur kein Mitglied werden.“, so oder so ähnlich begründen den Ausschluss von Frauen wohl die meisten der Korporierten, die Mitglied einer DB-Burschenschaft sind. Das ist nicht so harmlos, wie es vielleicht klingt. Denn der Ausschluss von Frauen ist keine Laune, sondern das Wesen von Männerbünden. Das zeigt sich auf verschiedene Weise: wie die Burschis sich gegenseitig zu „echten Männern“ mit all der dazugehörigen Härte erziehen, was sie über Frauen und Schwule denken und wie sie sich „Geschlecht“ vorstellen. Auch wenn sie äußern mögen, dass sie doch ziemlich tolerant seien und „Abweichungen von der Norm“ akzeptieren, ist eben bereits diese Auffassung diskriminierend. Und sie arbeiten nicht etwa daran, Diskriminierungen zu mindern, sondern feilen weiter an der Norm, indem sie versuchen eine ideale Männlichkeit auszubilden. Dies ist in den burschenschaftlichen Strukturen und Traditionen zentral. (mehr)