Redebeitrag: Kapitalismus, Krise und Geschlecht

Guten Tag, wir machen mal einen Redebeitrag zu Kapitalismus, Krise und Geschlecht. Wir wissen, dass das Geschlechterthema noch immer ein Sonderthema und Geschlechterverhältnisse nicht konstitutiver Bestandteil politischer Analysen sind. Aber das nur am Rande. Weil eine Perspektive, die das Geschlechterverhältnis in den Blick nimmt, in der radikalen Linken marginal ist, soll ein Beitrag alles leisten müssen. Das verlangt schon der eigene feministische Anspruch. Wir wagen uns also an eine Annäherung. Es hätten auch gut und gerne drei Redebeiträge werden können.

Zunächst gehen wir davon aus, dass Leute im Kapitalismus ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Dies passiert auf dem Arbeitsmarkt, der von einem Staat reguliert wird, der im Sinne der nationalen Standortkonkurrenz handeln muss. Das heißt, dass der Staat den Arbeitsmarkt am Laufen halten muss und immer so gestaltet, wie es die Situation gerade erfordert. Schalthebel für diese Regulierung sind zum Beispiel Migrationspolitik, das heißt Migrant_innen werden angeworben oder abgeschoben. Oder auch Bevölkerungspolitik, das heißt Familien-, Gesundheits- oder Bildungspolitik.

Für die folgende feministische Analyse ist dies der Dreh- und Angelpunkt: die Beschaffenheit und Regulierung der Kleinfamilie. Warum die interessant sein soll?

Die kapitalistische Organisation ist auf die Familie angewiesen. Sie ist der Ort, an der die Zurichtung entsprechend der Notwendigkeiten des leistungsfähigen und verwertbaren Subjekts und die Reproduktion von Arbeitskräften stattfindet. Der Staat kann das ja nicht unmittelbar selber tun, also schafft er Anreize in Form von Bevölkerungspolitik. Nationale Standortpolitik ist untrennbar mit weiblicher Reproduktionsfähigkeit verknüpft. Gebärfähige und -willige Frauen sind in dieser Logik wichtig für den Erhalt und die Wettbewerbsfähigkeit des nationalen Kollektivs. Deswegen ist auch die Kontrolle von Gebärfähigkeit von so großem Interesse. So heißt es regelmäßig, Akademikerinnen sollten mehr Kinder bekommen. Im globalen Süden verläuft die Bevölkerungspolitik ganz anders und versucht eher Geburtenkontrolle auszuüben. Ob es um Abtreibung, Verhütung, Schwangerschaft und Geburtenraten geht – die Gebärmutter ist eine Frage der Nation.

In dieser Hinsicht ist die Familie nicht nur ideologisch wichtig, da kommen wir gleich noch drauf zu sprechen, sondern sie ist eine notwendige Bedingung der Verhältnisse.

Darüber hinaus kennt die westeuropäische bürgerliche Kleinfamilie auch noch eine Trennung von öffentlich und privat. Und auch wenn die klassische Kernfamilie nicht mehr so up-to-date ist – das Modell besteht weiter fort. Wir finden es deshalb übrigens auch sinnvoller, von einem patriarchalen Prinzip des Kapitalverhältnisses zu sprechen, denn das lässt den Raum dafür, dass es um eine Struktur geht und die nicht unbedingt immer mit konkreten Geschlechtern einhergehen muss. Die Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit, die sich auch durch die ganze Gesellschaft zieht, ist in der Kleinfamilie noch mal konzentriert vorhanden. Diese macht das Subjekt fit für Staat und Nation. Und zwar so:

Die Mutterfigur ist für das emotionale Wohl verantwortlich, die Vaterfigur als Realitätsprinzip ist für die Rationalität und die Verbindung zum gesellschaftlichen Ganzen zuständig. Das ist – zugegeben etwas verkürzt – wie: Nation lieben, Staat gehorchen. So ist die Familie die erste Sozialisationsinstanz, in der von klein auf eine vermeintlich natürliche Ordnung erlernt werden kann: Staat als gesetzlich restriktiv, Nation als Verkörperung bedingungsloser Liebe.

Dann aber ist die Familie selber die Verkörperung von Privatheit und Geborgenheit, während die „Welt da draußen“ feindlich und von Konkurrenz beherrscht ist. Sie ist vermeintlich der Ort, an dem Emotionen sicher verwahrt werden können, der Schutz vor dem Gehacke der Konkurrenz und den Pflichten der Staatsbürgerschaft bietet. Denn in der Familie sind die Individuen keine VertragspartnerInnen, sondern Mitglieder einer Gemeinschaft, die nach anderen Regeln funktioniert. Hier wird sich nicht abstrakt als Warenbesitzer begegnet, sondern der Bezug aufeinander ist der Vorstellung nach konkret und human.

Wegen dieser wichtigen Funktion ist es eigentlich überhaupt kein Wunder – obwohl es dann doch immer wieder schockierend ist – dass Leute förmlich ausrasten, wenn sie die Familie bedroht sehen. GegnerInnen der Homo-Ehe etwa, die in den letzten Monaten in Frankreich mit einer wahnsinnigen Vehemenz auf die Straße gingen, treibt die Furcht vor der Erosion der Gesellschaft um. Als Pendant könnte die CDU-Debatte um Homo-Ehe und die Herdprämie hierzulande angeführt werden. In Osteuropa und Russland hat Homophobie furchtbare Ausmaße angenommen.

Es ist kein Zufall, dass diese Aggression in Zeiten der Krise aufkommt. Die Verteidigung der Kleinfamilie ist notwendig Krisenideologie – auch deswegen sind die Phänomene europaweit, vielleicht sogar global zugleich bemerkbar. Ist die Kleinfamilie bedroht, ist schnell von der Haltlosigkeit einer Gesellschaft ohne Vater und Mutter die Rede. Und das Subjekt sieht seine eigene Identität in Gefahr, für das es kaum Schlimmeres gibt, denn sonst bleibt ihm ja nichts. Das Subjekt im kapitalistischen Hauen und Stechen braucht die Familie als Projektionsfläche des Konkreten, Naturhaften, Unveränderbaren. Da ist die Krise auch für ein paar Wochen vergessen, denn wichtiger noch ist die Ordnung, sind die Grundfesten der bürgerlichen Gesellschaft, die es dieser Tage zu verteidigen gilt. In den antifeministischen und homophoben Verschwörungstheorien ist der Einfluss von LGBT-Lobby und Gender-Totalitarismus (DB) eine der größten Gefahren für die Gesellschaft.

Und wie immer, wenn etwas in Gefahr ist, muss die Natur herhalten. Damit befinden wir uns schon auf dem Weg zu einer Analyse des ideologischen Gehalts der Kleinfamilie. Natur erachten wir dabei als unverzichtbaren Schlüsselbegriff. Naturhaftigkeit verspricht Ewigkeit. Wie mit der Nation funktioniert das auch bei den Geschlechterrollen: wenn es natürlich ist, ist es ewig, wenn es ewig ist, stellt es die Grundfesten der Gesellschaft dar. Das können wir auch bei anderen Dingen ausmachen: Was Produkt von Vergesellschaftung ist, erscheint im Kapitalismus als naturhaft.

Warum aber hat das bürgerliche Subjekt, zumeist das männliche, so eine Panik vor dem Wegfall der vermeintlich natürlichen Grundfesten? Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt fordert von ihm die Herrschaft über die eigene Natur. Denn nur Naturbeherrschung lässt das Subjekt unter kapitalistischen Bedingungen bestehen. Deshalb muss jeder Versuch, sich der Selbstkontrolle und auch der Disziplinierung zu entziehen, abgewehrt werden, jeder Wunsch danach verdrängt werden. Der Wunsch danach, dass das Leiden aufhört, ist der Wunsch, die Kontrolle über das Selbst aufzugeben – er muss bei Strafe des Untergangs abgewehrt werden. In der Krise scheint alles vor die Hunde zu gehen. Es gibt nur zwei Optionen: aufgeben oder sich zusammenreißen. Wie gerne man einfach loslassen würde, aussteigen würde aus dem Hamsterrad der Wertverwertung. Die, von denen man annimmt, dass sie dem Wunsch nachgehen, werden gehasst: Passivität und Schwäche werden bei Schwulen und Frauen ausgemacht. Die Triebkontrolle verlangt dem männlichen Subjekt Einiges ab. Um Verdrängung und Versagung zu kompensieren, wertet es die durch Projektion als weiblich Gedachten ab.

Die Überlegenheitsgefühle entwickeln sich vor allem in der Abgrenzung von jenen, die vermeintlich bei der Beherrschung der Emotionen versagen. Wir stimmen der Perspektive Andrea Trumanns zu: “Erst in einer Gesellschaft, in der es nicht mehr nötig wäre, eine Herrschaft über sich selbst zu errichten, um zu überleben, und in der das Bedürfnis, nicht mehr zu leiden, die Kontrolle über sich zu verlieren, keine Angst mehr auslösen würde – eine Gesellschaft also, die keine kapitalistische und keine patriarchale mehr wäre –, würde zu einer Aufhebung der strengen Gegensätze von männlich und weiblich mit Konnotationen ,aktiv’ und ,passiv’ führen.“

Zum Schluss kommen wir noch kurz auf die ganz konkrete Ebene zu sprechen – sorry: wie gesagt, es hätten drei Redebeiträge werden können. Eine feministische Annäherung an das Phänomen der Krise muss ihren Blick darauf richten, dass sich Arbeitsformen von Frauen drastisch zum noch Beschisseneren hin verändern: durch die Kürzungen von staatlicher Wohlfahrt erweitert die Krise die Hausarbeit, die Frauen erledigen müssen. Und führt auch dazu, dass die Krise in einer internationalen Arbeitsteilung weitergereicht wird, etwa an migrantische Hausarbeiterinnen. Darüber hinaus trifft der europäische Sparkurs mit seinen Budgetkürzungen im Bereich der öffentlichen Dienste und im Sozialbereich besonders häufig Frauen – im Bereich Gesundheit, in Bezug auf Familiengeld, Sozialhilfe, etc.

Und dann ist die Gewalt in den Straßen nicht zu vernachlässigen: Übergriffe auf Frauen, Transmenschen und Homosexuelle – weil das männliche Subjekt an seiner Verunsicherung knapst. Eigentlich müsste man das alles noch weiter ausführen. Aber wir wollten ja nur mal ein paar Punkte klar machen. Jedenfalls gilt:

Solange Reproduktionsarbeit Privatangelegenheit und Sache der Frauen ist, werden Frauen Staat und Kapital mit geringerer Macht entgegen treten müssen als Männer. Nicht zuletzt deshalb braucht es eine Analyse der Verhältnisse – und zwar der ganzen Verhältnisse. Das heißt, dass patriarchale Machtstrukturen nicht nur als Summe von Einzelhandlungen sexistisch geprägter Menschen begriffen werden sollten – weder eine Aneinanderreihung von Herrschaftsformen, noch die Dekonstruktion von Geschlechterkategorien im Hier und Jetzt schwebt uns vor. Wir wollen auf ihre Ursprünge und ihre Funktionen reflektieren, auf das Ganze, und die Verbindungen denken. Und wir wollen, dass das die gesamte Linke macht. Es kann nicht sein, dass der blinde Fleck Geschlecht so beharrlich übersehen wird. Auch wenn wir den Patriarchatsbegriff schwierig finden. Der Polemik halber müssen wir ihn an dieser Stelle einmal verwenden.

In diesem Sinne: Staat, Nation, Kapital, Patriarchat, scheiße! Für den Feminismus! Für den Communismus!

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