Redebeitrag: Deutschland, seine Mythen und die Deutsche Burschenschaft

Bekanntlich ist völkischer Nationalismus seit der Gründung der sogenannten „Urburschenschaft“ im Jahr 1815 Bestandteil burschenschaftlicher Politik. Deutlichster Ausdruck dieser Politik ist bis heute der „volkstumsbezogene Vaterlandsbegriff“. Das unsägliche Wort „Volkstum“ ist eine Wortneuschöpfung des Vorreiters der burschenschaftlichen Bewegung, Turnvater Jahn. Jahn prägte den Begriff des Volkstums und mit ihm die Idee eines urwüchsigen, organischen und ewigen „Volkscharakters“ als Grundlage der angestrebten deutschen Nation. Noch heute ermöglicht das Konzept des Vokstums der Deutschen Burschenschaft, nicht nur Österreich zu einer „deutschen Kulturnation“ mit hinzu zu zählen – aus diesem Grund sind ja auch österreichische Bünde in der DB – sondern auch auf der Zugehörigkeit von etwa Schlesien, Elsass-Lothringen und dem sogenannten Sudetenlandzu beharren. Den Südtirol-Terrorismus der 50er und 60er Jahre, an dem auch zahlreiche Burschenschafter beteiligt waren, sieht die DB als Vorbild für eine „Politik“ zugunsten der Einverleibung der sogenannten Ostgebiete. Diese würden, so die DB in ihrem „Handbuch“ aus dem Jahr 2005, von Polen lediglich „verwaltet“, die „territoriale Souveränität über die Ostgebiete“ verbleibe „weiterhin bei Deutschland“. Alle Mitglieder der DB – auch die vermeintlich „liberalen“ – lehnen eine Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze ab. Noch bis 1990 waren sie damit aber bei Weitem nicht allein: Die Bundesrepublik Deutschland erkannte die 1970 im Warschauer Vertrag festgelegten Ostgrenzen Deutschlands erst 1990 offiziell an.

Zugehörigkeit zu einem vermeintlichen „Volk“, das die Nation ausmachen soll, ist keine objektive Größe, sondern unterliegt immer Deutungskämpfen. Doch nicht nur, wer deutsch ist, sondern auch, was deutsch ist, muss verhandelt werden, der profane Nationalstaat mit etwas „spezifisch Deutschem“ gefüllt werden. Denn eine Nation braucht eine kollektive Erzählung, um ihre Existenz zu rechtfertigen.

Einen Teil macht dabei die Mythenbildung aus. Mythen sind Großerzählungen, aus denen nationale Identität gewonnen wird, die Heilsversprechen bieten, der Nation eine sakrale Aura geben und Überlegenheitsvorstellungen füttern. In der verbindenden Erinnerungskultur kann sich die Nation darstellen und erklären: nationale Mythen schaffen Sinn und sollen so für gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgen.

Wer diese Mythen pflegt, wie es die Burschenschafter tun, aber auch das Feuilleton großer Zeitungen, der Geschichtsunterricht oder die Erzählungen von Opa Heinz, trägt dazu bei, die Abgrenzung zu denen aufrecht zu erhalten, die nicht Teil der imaginierten Abstammungsgemeinschaft sind. Denn genau darum geht es in den Mythen: Ob Hermann der Cherusker, Wartburg, Kyffhäuser oder auch der deutsche Wald – die Deutschen versichern sich ihrer vermeintlich gemeinsamen kulturellen und historischen Bezugspunkte.

Wer Wartburg sagt, muss auch Thüringer Wald sagen. Der deutsche Wald gilt seit der Romantik als Sehnsuchtsort und Sinnbild germanisch-deutscher Art. Dem deutschen Waldnationalismus ist der Wald Inbegriff deutschen Wesens, wie sich aus der Schlacht im Teutoburger Wald und dem Nibelungenlied ablesen ließe: Die Germanen als Waldvolk. So steht die „urwüchsige“ deutsche Waldwildnis englischen Landschaftsgärten und den streng symmetrischen, durch und durch künstlichen französischen Barockgärten entgegen. Von Romantik bis Heimatfilm wird der Wald als Symbol nationaler Identität abgefeiert und pathetisch als unverfälschte deutsche Landschaft beschworen. Die Ideologie vom Wald – und besonders der Eiche – als Symbol der deutschen Nation ist allgegenwärtig, sei es auf Pfennig und Cent oder auf den Schulterstücken von Bundeswehroffizieren. Der Wald als Ursprungsort deutscher Kultur, die Vorfahren, Menschen und die Landschaft gelten als unteilbares Ganzes – wer da nicht mitfühlen kann, gehört nicht dazu: Von Beginn an wurden in der völkischen Ideologie die Juden, als Personifizierung des Abstrakten, Allgemeinen, der vermeintlich konkreten und unmittelbaren Natur entgegengestellt.

Ursprünglichkeit und Ewigkeit sind die Stichworte – mit diesen Größen im Rücken ist die Nation legitimiert. Im Deutschlandlied, dessen drei Strophen gerade die Burschenschafter da oben singen, sind „deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang“ etwas, was den „alten Klang“ behalten und damit zu „edler Tat“ anspornen soll: Die vermeintliche Geschichte treibt an, verbindet Vergangenheit und Zukunft zu einer Schicksalsgemeinschaft. Übrigens interessant, dass Frauen in diesen Auffassungen als quasi-Statussymbol der Nation vorkommen, nicht aber als Akteurinnen öffentlichen Lebens. Das Ideal des Nationalismus ist Männlichkeit – kein Zufall, dass mit der „standhaften Eiche“ ein Phallussymbol zum Nationalsymbol der Deutschen wurde.

Mit der Vorstellung, dass die Staatsbürgerschaft allein nicht ausreicht, um zur Nation zu gehören, wie es etwa in den USA der Fall ist, sind die Burschenschafter nicht allein: Bis ins Jahr 2000 war das Staatsangehörigkeitsgesetz der Bundesrepublik ein rein auf „Abstammung“ basierendes. Die Vorstellungen von Nationalität beeinflussen also die Konzeptionen von Staatsangehörigkeit. Burschenschafter als Juristen, Politiker, Historiker und Publizisten gestalten an vorderster Front die Bestimmungen über Staatsangehörigkeit mit. Als im Gesetz des Jahres 2000 Einbürgerungen erleichtert werden sollten, wehrte sich die CDU und sammelte über 5 Millionen Unterschriften. Auch Burschenschafter sind verantwortlich dafür, dass mit dem „Optionsmodell“ nur ein halbherziger Schritt in Richtung liberaler Staatsbürgerschaftsmodelle getan wurde.

Es geht um eine politische Kultur, die immer Auswirkungen auf Abschiebungen, Einbürgerungen und andere Fragen der Staatsangehörigkeit hat. Sie bestimmt den Grad der Geschlossenheit einer Nation. Weder Kinder von MigrantInnen wären Deutsche, noch Jüdinnen und Juden, weil sie alle der Logik nach ja gar keinen Bezug zur germanischen Vergangenheit im Wald, zu Nibelungenlied oder Wartburgfest haben. Doch die völkische Ideologie der Burschen ist nicht nur nach innen ausgrenzend, sondern auch nach außen vereinnahmend und expansiv. Ginge es nach der deutschen Burschenschaft, würde Deutschland „von der Maas bis an die Memel und von der Etsch bis an den Belt“, also von Belgien bis Litauen und Italien bis Dänemark reichen.

Die deutschtümelnden Attitüden der Burschen dürfen deshalb nicht unkommentiert stehen bleiben, noch als verschroben oder lächerlich abgetan werden. Nationalismus und Mythenpflege müssen immer als reaktionär benannt und ihr Zusammenhang mit der Zugehörigkeit zur Nation offen gelegt werden. Wir wenden uns gegen jeden Versuch, die Nation als sanfte Vergesellschaftungseinheit zu stilisieren. Wer Deutschland liebt, den können wir nur hassen.

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