Aufruf gegen den Burschentag in Eisenach 2013

Kein Burgfrieden in Eisenach!

Vom 23. bis 26. Mai 2013 kommen die Burschen der Deutschen Burschenschaft aus Deutschland und Österreich wieder einmal in Eisenach zusammen. Wieder einmal, obwohl einiges gegen einen erneuten Burschentag in Eisenach sprach: Zwei Jahre linksradikalen Protestes, der die mediale und politische Öffentlichkeit auf die alljährlichen Umtriebe der DB lenkte und Burschen und Nazis entschlossen entgegentrat.

Burschen, die sich selbst scheinbar ins politische Aus manövrierten, mit der Diskussion um den „Arierparagraphen“, Naziverherrlichung und last but not least einer Spaltung, welche nur noch die reaktionärsten der reaktionären Kräfte im Dachverband beließ – getrost kann heute von der Deutschen Burschenschaft als einem faschistischen Haufen gesprochen werden.

Schließlich die Wahl einer neuen Oberbürgermeisterin, die eigentlich eine Abschaffung des Burschentages in Eisenach hätte nach sich ziehen sollen, hatte sich doch die Linkspartei in Thüringen bereits in den Jahren zuvor gegen das alljährliche Treffen der DB ausgesprochen.

Doch auf Eisenach und seine Bürger_innen ist verlass: Auch dieses Jahr findet wie gewohnt der Burschentag der DB an heiliger Stätte im Zeichen von Wartburg und Burschenschaftsdenkmal statt. Denn er ist eng mit dem touristisch vermarkteten Selbstverständnis Eisenachs und dessen besonderer Verankerung im deutsch-nationalen Mythos verknüpft.

Die Wartburg – ein deutscher Mythos

So ist die Wartburg Pilgerort stolzer Deutscher und Pflichtprogrammpunkt für Tourist_innen aus aller Welt. Wer auf den Felsen kraxelt – und das sind pro Jahr immerhin knapp 400.000 Leute –, tut dies auf der Suche nach „deutschem Geist“ und deutscher Geschichte. Und wozu das Ganze? Die Nation braucht Mythen. Sonst könnte sie die Sehnsucht des bürgerlichen Subjekts danach, in der Gemeinschaft aufgehoben zu sein, nicht bedienen. Erst die Mythen machen aus der banalen Burg und ihrer Geschichte etwas Erhabenes und appellieren ans Gefühl. Über der Stadt Eisenach und dem Thüringer Wald thronend gilt die Wartburg als Wahrzeichen „deutschen Schöpfergeistes“. Nachdem Luther dort im 16. Jahrhundert die Bibel ins Deutsche übersetzte, versammelten sich 1817 deutschtümelnde Studenten, um zwei Jahrestage zu begehen: den vier Jahre zuvor errungenen Sieg über Napoleon in der „Völkerschlacht“ bei Leipzig sowie den 300. Jahrestag des Luther‘schen Thesenanschlags. Um die Marschrichtung des deutschen Nationalbewusstseins komplett zu machen, verbrannten sie in antifranzösischer und antisemitischer Absicht den Code Civil und Schriften jüdischer Autoren. So ging diese deutsche Nationalbewegung von Anfang an mit einem virulenten Antisemitismus einher. Und so ist die Burg den national Bewegten Symbol des Widerstands gegen „kulturelle Fremdherrschaft“ und des Strebens nach der Einheit Deutschlands. Die romantische Sehnsucht nach Deutschtum, die verklärende Mittelaltereuphorie und die zahlreichen Legenden, die im 19. Jahrhundert erfunden wurden, taten ihr Übriges, um der Konstruktion der Nation den Anstrich von Ewigkeit und Natürlichkeit zu geben.

In diesem Sinne braucht die Nation nicht nur die Burg, um den Mythen Anschaulichkeit zu verleihen, sondern auch Leute wie die Burschenschafter, weil sie an den Mythen mitweben und einmal im Jahr auf der Burg quasi live Geschichte verkörpern. Dieses Spektakel wird als authentisch erfahren, nicht als notwendig falsche Abbildung von Geschichte. Erst die Verankerung in einer gemeinsamen Geschichte, die als Beleg für „Volksverbundenheit“ und „Ursprünglichkeit“ gilt, macht die nationale Gemeinschaft möglich: Denn Deutschland hat sich nie als politische Nation, sondern immer als Abstammungsgemeinschaft begriffen. Darüber hinaus sind die deutschen Mythenorte – Wartburg, Herrmannsdenkmal, Kyffhäuser – nichts ohne die deutsche Landschaft: Durch die Verortung im unberührten, urwüchsigen deutschen Wald scheint die Nation ewig und Nationalität natürlich. Dass es mit der Ewigkeit der deutschen Nation nicht so weit her ist, zeigt freilich schon ein Blick auf ihre Burg: Wie erstere stammt auch ein Großteil letzterer aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und ist keineswegs mittelalterlich. Und was nicht ewig ist, wird auch nicht ewig sein.

Burgen bauen, Farben tragen, Fackelmarsch – wozu der Aufwand?

Nicht nur als Garantin der Ewigkeit ist die Natur gut, sondern sie appelliert als Sehnsuchtsort etwa in Gestalt des dampfenden Thüringer Waldes ans Gefühl: Tränen der Ergriffenheit, Liebe und Aufopferung, der Wald als Trost und Versicherung der Nation. Diese ist dem bürgerlichen Subjekt, das sich vor dem Druck von kapitalistischer Konkurrenz und staatlichen Pflichten in einen kollektiven Kuschelort flüchtet, immer Kitt. Für die Burschenschafter, selbst spezifisches Produkt des völkischen deutschen Nationalismus, ist sie außerdem Daseinsberechtigung und entspricht der Idee einer festen Zusammengehörigkeit unter Männern. Ihre Liebe heften Burschenschafter an die vermeintlich ewige Gemeinschaft, an Germania und ihre Bünde. Im heterosexistischen Männerbund lassen sich die Gefühle gefahrlos ausleben: Ohne als verweichlicht zu gelten, kann der Bursche auch schon mal ein Tränchen verdrücken, beim Anblick der stolzen Burg, des heimatlichen Waldes und der burschenschaftlichen Inszenierung deutscher Mythen.

Es sind diese Mythen, die von Konservativen und Neonazis immer bemüht werden, um die Nation zusammenzuschweißen. Und so begeben sie sich in eine Kontinuität mit dem thüringischen Gauleiter Fritz Sauckel, der die Wartburg während des Nationalsozialismus zu einem „Kulturmittelpunkt des Reiches“ machen wollte und dort zahlreiche propagandistische Veranstaltungen und Feiern stattfinden ließ. Es sind eben auch diese Mythen, die die völkische Komponente der deutschen Nation unterstreichen. Der „volkstumsbezogene Vaterlandsbegriff“ zeigt auf, worum es geht: Für die Burschenschaften ist Deutschland keine politische Einheit, sondern ein „natürliches Gebilde“, das nicht an den Grenzen der BRD endet. „Sozialer Frieden“ ging und geht in Deutschland immer mit einem hohen Maß an Rassismus, Antisemitismus, Führerwunsch und Sehnsucht nach heiler Nation einher. Die Burschenschaften sind dabei nur die Spitze des Eisbergs: An ihnen zeigt sich besonders deutlich, was an der deutschen Nation so scheiße ist.

Selbst die in Eisenach regierende Partei Die Linke lässt sich einlullen von der Vorstellung, dass die Burschen untrennbar mit dem Ort verbunden sind. Die Stadt braucht die Burschen als Statisten eines Historienspektakels, ohne das Eisenach hinsichtlich seiner Wirtschaft und Identität nicht überleben könnte. Eisenach und seine braunen Studenten, die jetzt so arg in die Kritik geraten, sind also aufs Engste verbunden. Auch wenn Spiegel, Zeit und Co. jetzt Burschen bashen – deren Verknüpfung mit Deutschland haben sie ebenso wenig verstanden, wie sie in der Lage wären eine unversöhnliche Kritik der Nation zu formulieren. Doch um nichts weniger geht es uns.

Deutsche Mythen auf den Müllhaufen der Geschichte!
Wider den deutschen Burgfrieden!
Den Burschentag in Eisenach zum Desaster machen –  dritte Phase!

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