Wir sind betroffen und wütend. Wir sind fassungslos und ohne Worte. Wir sind sprachlos, doch empfinden wir das größte Bedürfnis über den Akt entfesselter Gewalt in Norwegen zu reden. Dieses Bedürfnis empfinden wir, weil im Moment so viel geschrieben wird, das wir nicht verstehen und weil – bis jetzt – so wenig darüber geschrieben wird, in welchem politischen und ökonomischen Klima der Anschlag auf das Regierungsviertel und die Ermordung so vieler sozialistischer bzw. sozialdemokratischer Jugendlicher stattgefunden haben und überhaupt stattfinden konnten. Das öffentliche Schweigen kommt einem Verdrängen gleich. Deswegen fordern wir das Sprechen ein. Wir fordern ein, dass verarbeitet wird, was uns so fassungslos macht, dass darüber reflektiert wird, wo es herkommt, und das kritisiert wird, was es hervorgebracht hat. Die SPD hat mit ihrer Schweigeminute schon viel dazu beigetragen eine Form der Betroffenheit zum Ausdruck zu bringen, die ohne zu instrumentalisieren der Opfer gedacht hat. Vielleicht hat sie es, weil es zu früh war, nicht vermocht die politischen Kontexte ausreichend zu benennen. Aber jetzt müssen wir als Linke gemeinsam darüber reden, wie wir die Tat einordnen und was gerade das Gefährliche am politischen Klima in Europa ist. (mehr)
Interview: “Burschenschafter sind eine Speerspitze des Antifeminismus”
In Paper on June 7, 2011 at 1:39 pmIhr setzt euch ja jetzt gerade sehr stark mit dem männerbündischen Charakter von Burschenschaften auseinander. Warum vordergründig? Was soll denn das Besondere an diesen burschenschaftlichen Männerbünden sein?
Es wurde vielfach auf den nationalistischen, geschichtsrevisionistischen und meistens auch frauenfeindlichen Gehalt von Burschenschaften hingewiesen, aber selten das Männerbundprinzip als Grundlage kritisiert. Wir denken aber, dass sich ohne diese Auseinandersetzung der Kern von Burschenschaften gar nicht erklären lässt. Deshalb konzentrieren wir uns erstmal dadrauf – wobei die anderen Ideologien damit ja auch eng zusammen hängen.
Naja und zur Besonderheit: erst einmal ist ihre Organisationsform wesentlich expliziter und stabiler im Gegensatz zu anderen männlichen Netzwerken, z.B. Unternehmensvorständen oder sonstigen Seilschaften. Denn die Burschen verstehen sich als Lebensbund und schaffen sich so eine umfassende Ordnung, die bewusst nur auf das Männliche ausgerichtet ist. Der rituelle Charakter, also die Kneipe, die Mensur, die Kleidung usw., ist vielleicht darüber hinaus noch etwas, das ins Auge springt und erstmal einen Unterschied zu anderen Männerklüngeln darstellt. (mehr)
Paper: Homophobie und Männerbünde
In Paper on June 7, 2011 at 1:03 pmImmer zu Semesterbeginn kann man sich über seltsame Anzeigen wundern: da werden für billige Zimmer mit Billardtisch und eigener Hauskneipe explizit männliche Studenten gesucht. Klar, da handelt es sich um Studentenverbindungen. Nur ein Bruchteil der Verbindungen ist gemischt und es gibt nur eine sehr kleine Zahl von Frauenverbindungen. Sämtliche in der DB organisierten Burschenschaften jedoch sind reine Männerbünde. „Ganz einfach, es gibt ja auch keine gemischten Fußballmannschaften. Das soll nichts Ausgrenzendes sein, sondern etwas Integrierendes für jene, die dabei sind. Wir sagen ja nicht: Frauen dürfen hier nicht herkommen. Sie dürfen nur kein Mitglied werden.“, so oder so ähnlich begründen den Ausschluss von Frauen wohl die meisten der Korporierten, die Mitglied einer DB-Burschenschaft sind. Das ist nicht so harmlos, wie es vielleicht klingt. Denn der Ausschluss von Frauen ist keine Laune, sondern das Wesen von Männerbünden. Das zeigt sich auf verschiedene Weise: wie die Burschis sich gegenseitig zu „echten Männern“ mit all der dazugehörigen Härte erziehen, was sie über Frauen und Schwule denken und wie sie sich „Geschlecht“ vorstellen. Auch wenn sie äußern mögen, dass sie doch ziemlich tolerant seien und „Abweichungen von der Norm“ akzeptieren, ist eben bereits diese Auffassung diskriminierend. Und sie arbeiten nicht etwa daran, Diskriminierungen zu mindern, sondern feilen weiter an der Norm, indem sie versuchen eine ideale Männlichkeit auszubilden. Dies ist in den burschenschaftlichen Strukturen und Traditionen zentral. (mehr)